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Veröffentlicht am 30. Oktober 2025

Zwischen Content und Erlebnis: Wann ein CMS reicht – und wann eine DXP nötig wird

Summary


  • CMS und DXP sind keine Alternativen auf Augenhöhe, sondern Antworten auf unterschiedliche Anwendungsfälle.
  • Die Entscheidung ist organisatorisch geprägt – nicht technisch.
  • Orientierung entsteht durch Passung zwischen Anwendungslogik und Komplexität, nicht durch Feature-Vergleiche.

Warum die Frage nach CMS vs. DXP entsteht

Die Frage nach CMS oder DXP ist selten der strategische Startpunkt einer Organisation. Meist entsteht sie dort, wo digitale Angebote komplexer werden: mehr Touchpoints, mehr Abhängigkeiten, mehr Abstimmung. Was früher ein klar abgegrenztes Webprojekt war, wird Teil eines vernetzten digitalen Gefüges.

Mit dieser Entwicklung wächst der Koordinationsbedarf. Inhalte müssen konsistent bleiben, Nutzer sollen kanalübergreifend anschlussfähig abgeholt werden und Brüche im Erlebnis fallen schneller auf. Klassische CMS stoßen hier an Grenzen – nicht aus qualitativen Gründen, sondern weil sie für eine andere Aufgabenlogik konzipiert wurden.

Der Ruf nach einer DXP wirkt dann oft wie die logische Antwort. Doch eine DXP ist kein automatisches Upgrade. Sie ist ein Wechsel der Denkweise – und nur dann sinnvoll, wenn genau diese zusätzliche Koordinationsleistung benötigt wird.

Orientierung vor Definition

CMS und DXP stehen nicht auf derselben Entscheidungsebene. Sie lösen unterschiedliche Arten von Problemen und sollten nicht als direkte Alternativen betrachtet werden.

Ein CMS folgt der Logik von Inhalten: erstellen, pflegen, veröffentlichen. Eine DXP folgt der Logik von Erlebnissen: abstimmen, kontextualisieren, über Touchpoints hinweg steuern. Der Unterschied liegt weniger im Funktionsumfang als in der Frage, wofür Inhalte eingesetzt werden.

Entscheidend ist daher nicht, welches System mehr kann, sondern welche Art von Anwendungsfall vorliegt: Geht es um verlässliche Content-Publikation – oder um die übergreifende Steuerung digitaler Erlebnisse?

Wann ein CMS die bessere Wahl ist

Ein CMS ist sinnvoll, wenn Inhalte klar strukturiert erstellt und über definierte Kanäle veröffentlicht werden sollen. Typische Anwendungsfälle sind Websites oder Portale mit überschaubaren Abhängigkeiten, redaktionell geprägten Prozessen und klaren Verantwortlichkeiten.

Auch dann, wenn digitale Angebote weitgehend unabhängig voneinander funktionieren und Personalisierung eine untergeordnete Rolle spielt, ist ein CMS häufig die stabilere und wirtschaftlichere Lösung. Weniger Komplexität bedeutet hier mehr Kontrolle.

Grenzen zeigen sich dort, wo Inhalte Teil eines größeren Zusammenhangs werden: wenn mehrere Touchpoints gleichzeitig bedient werden müssen oder Konsistenz nicht mehr lokal, sondern organisationsweit hergestellt werden soll. Diese Grenze markiert keinen Mangel des CMS, sondern den Übergang zu einer anderen Aufgabenlogik.

Wann eine DXP notwendig wird – und wann nicht

Eine DXP wird dann relevant, wenn digitale Erlebnisse nicht mehr isoliert gesteuert werden können. Typische Anwendungsfälle entstehen dort, wo Inhalte, Daten und Interaktionen über mehrere Touchpoints hinweg zusammenspielen müssen.

DXPs entfalten ihren Nutzen vor allem entlang von Journeys: wenn Inhalte personalisiert, kontextabhängig ausgespielt oder mit Service-, Vertriebs- oder Commerce-Prozessen verknüpft sind. Der Fokus liegt nicht auf einzelnen Seiten, sondern auf der Abstimmung über Zeit und Kontaktpunkte hinweg.

Wichtig ist: Eine DXP löst keine Probleme, sie verschiebt sie. Sie erhöht die organisatorische Komplexität und setzt klare Zuständigkeiten, Governance und Entscheidungsfähigkeit voraus. Fehlen diese Voraussetzungen oder bleibt der Anwendungsfall begrenzt, überwiegt der Aufwand schnell den Nutzen.

Entscheidungslogik statt Feature-Vergleich

Feature-Listen helfen bei dieser Entscheidung nur begrenzt weiter. Die zentrale Frage ist nicht, welche Plattform mehr Funktionen bietet, sondern welche Spannungen in der Organisation tatsächlich gelöst werden müssen.

Typische Spannungsfelder sind der Übergang von einzelnen Kanälen zu zusammenhängenden Journeys, von redaktioneller Arbeit zu orchestrierten Prozessen oder von lokal optimierten Lösungen zu organisationsweiter Abstimmung. Je stärker diese Spannungen ausgeprägt sind, desto eher verschiebt sich der Bedarf in Richtung DXP.

Entscheidend ist die Passung zwischen Anwendungsfall und Komplexität – nicht das technologische Maximum.

Konsequenzen für Organisation und Entscheidung

Die Wahl zwischen CMS und DXP ist immer auch eine Organisationsentscheidung. Sie beeinflusst Zusammenarbeit, Verantwortlichkeiten und die Art, wie digitale Erlebnisse gesteuert werden. Je stärker Erlebnisse kanalübergreifend gedacht werden, desto höher ist der Abstimmungsbedarf.

Für Entscheider liegt die eigentliche Frage daher nicht in der Plattform, sondern in der Steuerungslogik: Welche Koordination ist notwendig – und welche davon soll technisch unterstützt werden? Diese Entscheidung lässt sich nicht über Feature-Listen klären.

Orientierung entsteht durch Klarheit über die eigenen Anwendungsfälle und Spannungen. Wer diese sauber benennt, trifft die Entscheidung zwischen CMS und DXP bewusst – und nicht als technologischen Reflex.


Über den Autor

Seit über 25 Jahren beschäftigt sich Dirk Langenheim mit CMS- und DXP-Plattformen. Als Consultant bei team neusta unterstützt er Organisationen dabei, tragfähige Entscheidungen für ihre digitalen Plattformen zu treffen – strategisch klar, pragmatisch umsetzbar und langfristig wirksam. Sein Fokus liegt darauf, Komplexität beherrschbar zu machen: durch klare Zielbilder, belastbare Architekturentscheidungen und Roadmaps, die Business, IT und Nutzerbedürfnisse zusammenführen.