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Veröffentlicht am 4. Juni 2025
Digitale Barrierefreiheit als Wirtschaftsfaktor
- Digitale Barrieren wirken wirtschaftlich – auch wenn sie unsichtbar bleiben. Nutzungshürden führen zu Reibung, Abbrüchen und Effizienzverlusten, ohne in klassischen KPIs aufzutauchen.
- Barrierefreiheit ist ein Indikator für Produktqualität und Skalierbarkeit. Sie zeigt, wie konsequent digitale Angebote auf verlässliche Nutzung und Wertschöpfung ausgelegt sind.
- Wirtschaftlicher Erfolg entsteht durch Nutzung, nicht durch Funktionen. Barrierefreiheit erhöht Reichweite und Nutzung – und damit den tatsächlichen Wert digitaler Produkte.
Digitale Produkte werden in vielen Organisationen über klare Kennzahlen gesteuert: Reichweite, Nutzung, Conversion, Effizienz. Was dabei oft fehlt, ist eine ebenso klare Bewertung der tatsächlichen Nutzbarkeit.
Das bleibt nicht folgenlos. Viele digitale Angebote funktionieren technisch und sind sauber gemessen – und verschenken dennoch wirtschaftliches Potenzial. Nicht wegen fehlender Features, sondern weil relevante Nutzergruppen an unscheinbaren Hürden scheitern. Diese Verluste bleiben unsichtbar, weil sie in keiner klassischen KPI-Logik auftauchen.
Wenn Nutzungshürden nicht als Teil der Produktqualität verstanden werden, werden sie auch nicht als wirtschaftlicher Verlust erkannt. Digitale Barrieren sind damit kein Randthema der UX, sondern ein unterschätzter Faktor unternehmerischer Wertschöpfung.
Wirtschaftliche Verluste durch unsichtbare Barrieren
Unsichtbare Barrieren wirken selten abrupt. Sie zeigen sich nicht als klarer Fehler, sondern als schleichender Verlust: geringere Nutzung, abgebrochene Prozesse, ausbleibende Abschlüsse. Aus unternehmerischer Sicht sind das keine UX-Details, sondern Effizienzprobleme entlang der gesamten digitalen Wertschöpfung.
Jeder zusätzliche Schritt, jede schwer verständliche Information und jede unnötige Hürde erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzer abspringen oder Angebote nur eingeschränkt nutzen. Diese Effekte betreffen nicht nur einzelne Randgruppen, sondern summieren sich über alle Nutzer hinweg – und damit über alle Touchpoints.
Das Ergebnis ist ein strukturelles Missverhältnis: Digitale Produkte werden weiterentwickelt und vermarktet, während ein Teil ihres wirtschaftlichen Potenzials durch vermeidbare Nutzungshürden verloren geht.
Barrierefreiheit als Qualitätsmerkmal digitaler Produkte
Vor diesem Hintergrund lässt sich Barrierefreiheit anders lesen: nicht als Sonderanforderung, sondern als Qualitätsmerkmal digitaler Produkte. Sie zeigt, wie konsequent ein Angebot auf Nutzung ausgelegt ist – unabhängig von individuellen Voraussetzungen.
Digitale Produkte, die barrierearm gestaltet sind, funktionieren robuster. Sie lassen sich leichter verstehen, sicherer bedienen und flexibler weiterentwickeln. Das erhöht nicht nur die Zufriedenheit einzelner Nutzergruppen, sondern die Skalierbarkeit des gesamten Produkts.
Barrierefreiheit markiert damit einen Reifegrad in der digitalen Produktentwicklung. Sie steht für einen Anspruch, bei dem Wirtschaftlichkeit nicht über Komplexität entsteht, sondern über verlässliche Nutzung.
Nutzung entscheidet über Wirtschaftlichkeit
Wirtschaftlicher Erfolg digitaler Produkte entsteht nicht durch ihre Existenz, sondern durch ihre tatsächliche Nutzung. Erst wenn Angebote verstanden, bedient und wiederholt genutzt werden, entfalten sie ihren Wert. Barrierefreiheit wirkt genau an dieser Stelle.
Reduzierte Nutzungshürden erhöhen nicht nur die Effizienz für bestehende Nutzer, sondern erschließen zugleich zusätzliche Nachfrage. Menschen, die digitale Angebote bislang nur eingeschränkt oder gar nicht nutzen konnten, werden zu erreichbaren Nutzergruppen. Reichweite entsteht damit nicht durch mehr Marketing, sondern durch bessere Zugänglichkeit.
In der Konsequenz verschiebt sich der Blick auf Wirtschaftlichkeit: Nicht zusätzliche Features, sondern verlässliche Nutzung entscheidet darüber, wie viel Wert digitale Produkte tatsächlich erzeugen.
Strategische Absicherung statt späterer Korrektur
Neben unmittelbarer Wertschöpfung wirkt Barrierefreiheit auch stabilisierend. Digitale Produkte, die auf breite und verlässliche Nutzung ausgelegt sind, müssen seltener grundlegend korrigiert werden. Sie sind weniger anfällig für spätere Anpassungen, Umwege oder kurzfristige Reparaturen.
Organisationen, die Barrierefreiheit früh mitdenken, reduzieren nicht nur operative Reibung, sondern auch strategische Risiken. Entscheidungen werden belastbarer, Investitionen nachhaltiger und digitale Roadmaps weniger anfällig für externe Zwänge oder interne Kurswechsel.
Barrierefreiheit wird so zu einem Element unternehmerischer Vorsorge: nicht als Absicherung gegen Pflichten, sondern als Beitrag zu langfristiger Planbarkeit und digitaler Substanz.
Perspektivwechsel statt Pflichtdiskussion
Die Diskussion um Barrierefreiheit wird oft als Pflicht oder Zusatz geführt. Aus wirtschaftlicher Perspektive greift diese Sicht zu kurz. Entscheidend ist nicht, ob digitale Angebote formalen Anforderungen genügen, sondern ob sie ihr wirtschaftliches Potenzial tatsächlich entfalten.
Wer Barrierefreiheit als Bestandteil digitaler Qualität versteht, verschiebt den Fokus: weg von Rechtfertigungen, hin zu Nutzung, Wertschöpfung und strategischer Tragfähigkeit. Nicht jede Organisation wird diesen Zusammenhang sofort messen können – aber jede, die digitale Produkte ernst nimmt, wird ihn langfristig spüren.
Über den Autor
Dirk Langenheim beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit der strategischen Entwicklung digitaler Plattformen. Als Consultant bei team neusta unterstützt er Organisationen dabei, digitale Produkte und Services so auszurichten, dass sie langfristig tragfähig, nutzbar und wirtschaftlich wirksam sind. Sein Schwerpunkt liegt auf fundierten Entscheidungsgrundlagen für CMS- und DXP-Plattformen – mit einem klaren Blick auf Produktqualität, Nutzung und strategische Nachhaltigkeit in komplexen digitalen Umfeldern.